Samstag, November 19, 2005

Nobody Knows


Am Anfang und am Ende fährt ein Koffer in der Monorail durch die leuchtenden Vororte Tokios. Der Inhalt ist derselbe, die Umstände und das Ziel leider nicht.

Dazwischen spielt die rührende Geschichte von Nobody Knows um 4 Kinder, die von der Mutter im Stich gelassen werden und schneller erwachsen werden müssen als ihnen lieb ist. Der älteste Sohn, Akira, wird zum Familienoberhaupt ernannt und versucht mit seinen zarten 12 Jahren seine 3 Geschwister beieiander zuhalten und durchzufüttern, was sich natürlich als äusserst problematisch erweist.

Der japanische Regisseur und Drehbuchschreiber Hirokazu Koreeda hat mit seinem Werk Nobody Knows, das auf einer wahren Begebenheit beruht, eine Art Rollentausch geschaffen. Die Mutter der Famile, eigentlich in der Rolle der Ernäherin, ist hier selbst noch ein naives Kind, das nicht die Reife besitzt die Mutterrolle zu übernehmen. Die 2 Mädchen und Jungen hingegen schlüpfen nun in diese Rolle, erziehen sich selbst und müssen die Kindheit ganz schnell hinter sich lassen.

Hervorragend gespielt werden diese neuen Rollen vom Kinderensemble um Yûya Yagira (Akira), der für seine Leistung mit dem "Best Actor Award" in Cannes ausgezeichnet wurde. Als Westeuropäer stellt man sich wohl genau so die japanischen Kinder vor: Plaudern über Totoro und spielen Dragonball Z auf der Konsole. Trotzdem verzichet Koreeda auf irgendwelche Klischees oder sentimentalen Ausbrüche, die bei diesem Thema wohl nur allzu schnell hervortreten könnten.
Der rar gesähte Soundtrack untermalt lediglich stimmungsvoll verspielt die Restbestände der verlorenen Kindheit. Sei es das Herumtollen auf dem Spielplatz oder das Baseballspiel mit den Freunden.

Ähnlich wie in Steven Spielbergs "E.T." wird auch in Nobody Knows eine rein "kindliche" Atmosphäre geschaffen. Die meisten Erwachsenen werden nur vom Schritt abwärts von der Kamera eingefangen und Koreeda konzentriert sich mit viel Liebe zum Detail und aller Ruhe auf kindliche Freuden wie ein kleines Piano, der ersten Maniküre von der Mutter oder quietschende Sandalen. Zeitangaben sucht man vergeblich. Lediglich abgenutzte Stifte, keimende Pflanzen oder wachsendes Haupthaar geben Aufschluss auf die Zeitspanne, in der die 4 kleinen Helden sich selbst überlassen sind. Die Zeit ist ein gutes Stichwort, filmte Koreeda sein Werk doch sehr untypisch chronologisch über fast ein Jahr lang verteilt, was der angesprochenen wahren Begebenheit noch zusätzliche Authenzität verleiht.

Die persönlichen "Magic Moments" für mich sind die Bahnfahrten von Akira durch Tokio. Wie in Miyazakis "Chihiros Reise ins Zauberland" sind sie voll wunderbarer Melancholie und Wärme, und wer dazu bei Takoko Takes "Jewel" keine feuchten Augen kriegt, hat sein Herz wohl schon in den Winterschlaf geschickt.

Nobody Knows ist ein zutiefst bewegendes Drama, das das Erwachsenwerden in all seiner Härte und die Kindheit in all ihrer Schönheit und Unschuld wiederspiegelt, denn die ergreifendsten Geschichten schreibt das Leben eben immernoch selbst.